Lebenswerte Gemeinde – Positionsbeschreibung

Vorstellung der Initiative

Die „Initiative „Lebenswerte Gemeinde““ besteht derzeit aus 60 Privatpersonen (Stand 25.8.19), die überwiegend in der Stadt Bad Teinach-Zavelstein beheimatet sind. Teilweise sind sie aus dem Schwarzwaldverein Zavelstein hervorgegangen, zu dessen satzungsmäßigen Auftrag Heimatpflege und Pflege der kulturellen Besonderheiten gehören. Kein Mitglied der Gruppe verfolgt private wirtschaftliche Zwecke im Zusammenhang mit dem angedachten Projekt.

Die Gruppe hat noch keine juristische Form.

1. Kurzbeschreibung des Projektes

Die Überlegungen sind verknüpft mit dem „Haus Bohnenberger“, dem ortsbildprägenden Gebäude unmittelbar neben dem „Gotsacker“ am östlichen Ortseingang des historischen Städtchens, das von der Stadt Bad Teinach-Zavelstein erworben wurde und dem der Abriss droht. Wir sehen im Bereich unserer Stadt infrastrukturelle Defizite (z. B. fehlende Nahrungsmittel-Grundversorgung verknüpft mit einer sozialen Begegnungsmöglichkeit, Stichwort Bürgerladen und Bürger-Bistro/Café), um der Entwicklung zu einer anonymen reinen Wohn/Schlafgemeinde gegenzusteuern. Hinzu kommt ein Fehlen von Behinderten- und Alten-gerechten Wohnungen.

2.Beschreibung der Ausgangslage

Die Stadt Bad Teinach-Zavelstein entstand bei der Gemeindereform 1975 als Zusammenschluss-Gemeinde von sieben Ortsteilen, wobei die Zwergstadt Zavelstein (mit einem Ämtlein von 12 Ortschaften) über Jahrhunderte als Versorgungs- und Verwaltungszentrum der Region fungierte. Bedingt durch die Topographie und den Charme des historischen Städtchens sowie die Wertschätzung des nahegelegenen Bad Teinach mit seinen Quellen und Badeeinrichtungen besteht seit über 200 Jahren eine hohe Akzeptanz sowohl für den Tages-Tourismus, wie auch für den Beherbergungs-Tourismus. Insbesondere in Zavelstein und den Nachbarorten Sommenhardt und Rötenbach hat die Bevölkerungszahl infolge Ausweisung zahlreicher Neubaugebiete beträchtlich zugenommen und wird weiter steigen.

Vor 5 Jahren schloss der letzte alteingesessene Versorgungsbetrieb (Bäckerei mit Lebensmittel-Einzelhandel + Metzgerei), der die Ernährungs-Grundversorgung abdeckte. Abgesehen von der Unmöglichkeit einer materiellen Versorgung im Nahbereich macht sich auch das Fehlen sozialer Begegnungs- und Austauschmöglichkeiten bemerkbar. Dazu kommt die unausweichliche demographische Entwicklung: Bei einer insgesamt zunehmend alternden Bevölkerung lässt die Mobilität nach und der Versorgungsbedarf steigt. Die Tendenz, zur anonymen Wohn/Schlaf-Gemeinde abzusinken, ist unverkennbar und – im Vergleich früheren Verhältnissen, soweit diese von uns überblickt werden können – weit vorangeschritten

Ende 2018 wurde von der Stadt das „Haus Bohnenberger“ erworben, ein prägnantes Gebäude am Osteingang des historischen Städtchens, dem nun der Abriss droht. Das muss nach unserer Überzeugung verhindert werden: Diesem Gebäude kommt ein sehr hoher ortsbildprägender Charakter zu und es bildet mit dem danebengelegenen historischen Gotsacker ein für Zavelstein charakteristisches Ensemble. Außerdem handelt es sich um eines der wenigen Gebäude, das noch eine Schwarzwald-typische Verschindelung zeigt. Gravierend ist aus unserer Sicht auch, dass das freiwerdende Baufenster wegen heute geforderter Straßen- und Bauabständen faktisch nicht mehr anderweitig bebaut werden kann. Nach unserer Überzeugung dürfen am östlichen Ortseingang nicht auch unerwünschte Verhältnisse entstehen wie am westlichen und neuerdings am nördlichen Eingang.

3. Die Projektidee

Wir schlagen vor, die Bündelung mehrfacher Anliegen zu prüfen: Einmal die Erhaltung des Anwesens Bohnenberger unter dem Motto „Aufwerten statt Abreißen“, wobei sich zwangsläufig die Frage nach einer sinnvollen Nutzung stellt. Aus unserer Sicht wäre dies eine Wiederherstellung einer wohnortnahen Versorgung im Erdgeschossbereich mit Nahrungsmitteln des täglichen Bedarfs in Form eines „Bürgerladens“ , möglichst in Kombination z. B. mit Anlieferungen an Alte/Behinderte, in Kombination mit einer Poststelle, sowie in Kombination mit einem „Bürger-Bistro/Café“. Dazu wäre zu klären, ob sich in den darüber liegenden Geschossen der Mangel an Alten- und Behinderten-gerechtem Wohnraum reduzieren ließe. Allerdings wäre dazu der Einbau eines Aufzugs erforderlich.

Ganz wesentlich wäre aus unserer Perspektive jedoch, das soziale Zusammenwachsen zu fördern, um der zunehmenden Tendenz zu einem anonymen und beziehungslosen Nebeneinander entgegenzuwirken.

4. Der bisherige Stand

Fraglos sind Organisation, Einrichtung und Betrieb eines derartigen Projektes keine Selbstläufer. Auch andere Gemeinden haben ähnliche Wege getestet, und aus der Presse sind verschiedentlich damit verknüpfte Schwierigkeiten zu entnehmen. Jedoch gibt es auch gelungene Beispiele.

Mit wirtschaftlichen Unsicherheiten verbunden dürfte vor allem ein Lebensmittel-Versorgungsbetrieb sein. Voraussetzung wäre, dass sowohl eine Mehrheit der Bevölkerung sowie die Kommunalverwaltung einen wollen und dahinter stehen. Hierzu sind derzeit keine belastbaren Aussagen möglich: Aus der Bevölkerung kommen zwar viele positive Signale, doch es gibt auch skeptische Stimmen. Jedoch sind wir der Auffassung, dass es noch nie geschadet hat, Optionen zu untersuchen. Wir setzen uns daher für eine möglichst realistische Analyse hinsichtlich Chancen und Machbarkeit ein.

5. Was soll wie untersucht werden

 Aus der Perspektive des Erhalts eines ortsbildprägenden Gebäudes sowie von Bedarf einerseits und geeigneter Lage andererseits vertritt unsere Projektinitiative die Auffassung, dass unvoreingenommen geklärt werden sollte, ob eine Bündelung und Umsetzung unserer Anliegen machbar wären.

Dazu gehört auch eine baulich-architektenmäßige Überprüfung des Gebäudes. Selbstverständlich können auch andere gute Ideen zum Tragen kommen.

6. Aspekte

Es kann niemand daran gelegen sein, Utopien nachzujagen. Aber perspektivische Überlegungen zur Entwicklung jenes Fleckchens auf diesem Globus, das wir als „Heimat“ betrachten, sollten nicht von vornherein abgewiesen werden.

So sehen wir die beschriebenen Projekte als Teile der „Daseinsvorsorge“. Laut Definition (siehe Gabler Wirtschaftslexikon) umfasst „Daseinsvorsorge die Sicherung des öffentlichen Zugangs zu existentiellen Gütern und Leistungen entsprechend der Bedürfnisse der Bürger, orientiert an definierten qualitativen Standards und zu sozial verträglichen Preisen. Welche Güter und Leistungen als existentiell notwendig anzusehen sind, ist durch die politische Ebene zeitbezogen zu ermitteln.“

Ganz unzweifelhaft gehört die Versorgung einer alternden und wachsenden Bevölkerung mit Gütern des täglichen Bedarfs ebenfalls zur Daseinsvorsorge. Diese kann zwar in unseren gesellschaftlichen Strukturen nicht durch Kommunalverwaltungen abgedeckt werden, doch eine Unterstützung hierfür sehen wir auch als Teil des kommunalen Aufgabenfelds.

Selbstverständlich stehen wir hinter jeglichen Maßnahmen zur Förderung von Infrastruktur. So wird begrüßenswerter Weise der Breitbandausbau in Sachen Internet vorangetrieben. Bei Licht betrachtet kommt dies jedoch nur einem kleinen Teil unserer Bevölkerung zugute, während im Hinblick auf eine Grundversorgung mit Lebensmitteln potentiell die gesamte Bevölkerung profitieren könnte.

Dass die Wege der Nahrungsmittelversorgung sich gewandelt haben, ist offenkundig. Mit eher ungläubigem Staunen hören wir von Versuchen der großen Internet-Anbieter, auch auf diesem Markt Fuß zu fassen. Dass die Brezel und das Frühstücksei demnächst via Amazon-Päckchen oder vielleicht irgendwann mittels Drohne angeliefert werden, ist aber nur schwer vorstellbar und – vor allem auch aus ökologischen – Gründen keinesfalls wünschenswert. Also versuchen wir doch besser „die Kirche im Dorf“ und – vielleicht – eine Bürger-Einrichtung ins Städtle zu lassen – unter der Voraussetzung, dass Voruntersuchungen grünes Licht signalisieren.

Dr. Klaus Pichler

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